Ocena brak

Diese Nacht war nicht zum Schlafen da

Autor /Izydor Dodano /15.11.2011

Über die Mauer hinweg lächeln sich ein Junge und ein Mädchen freundlich an. Ein Wahlplakat der Berliner SPD im Dezember 1988. Überschrift: "Berlin ist Freiheit". Die nächste Generation soll die Trennung überwinden - das war die Botschaft dieses Bildes. Manche Leute schüttelten den Kopf über so viel Fantasie, viele kritisierten das Plakat. Es war damals einfach unvorstellbar, dass von heute auf morgen die Mauer nicht mehr existieren sollte. Fast 30 Jahre lang hatte sie unser Leben in Berlin geprägt! Die Mauer hatte nicht nur eine Stadt in zwei Hälften geteilt: Sie hatte Familien zerrissen, Ehepaare getrennt und Kontakte zu alten Freunden abgeschnitten - sie ging mitten durch das Herz der Berliner. Wer in Berlin wohnte, der hatte sich schon daran gewöhnt, nicht ohne weiteres in die Umgebung fahren zu können, der hatte gelernt, dass es einfacher war, nach Mallorca zu reisen als an den Müggelsee, obwohl der nur ein paar Kilometer entfernt war. Seit dem Bau der Mauer 1961 hatten die Deutschen auf diesen Tag gewartet, und plötzlich war er da.

Wir alle mussten die neue Situation erst sinnlich erfahren. Als man in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 die ersten Bilder von der Grenzöffnung im Fernsehen sehen konnte, waren schon Tausende von Berlinern aus beiden Teilen der Stadt zu den Grenzübergängen losgezogen: Jeder wollte es selbst sehen, das Unglaubliche. Unbeschreibliche Szenen spielten sich nach der Grenzöffnung am Kontrollpunkt Invalidenstra-e ab: Die Menschen applaudierten stürmisch, stie-en mit Rotkäppchen-Sekt auf die neuen Besuchsmöglichkeiten an und bewarfen die Trabbis mit Blumen. Viele Ost-Berliner weinten hemmungslos vor Freunde, nachdem sie die Grenze überschritten hatten. Nach kurzer Zeit war der Kontrollpunkt von Menschen überschwemmt. Es war eine Stimmung wie auf einem Volksfest, eine Stadt lag sich in den Armen. Hier zeigte sich: Niemand hatte sich wirklich mit der Mauer abgefunden.

Diese Nacht war nicht zum Schlafen da. Ich bleib bis zum Morgengrauen am Kontrollpunkt und sprach mit den Berlinern aus dem Osten. Viele waren wieder auf dem Heimweg, nachdem sie aus Neugier mitten in der Nacht schnell mal zum Ku'Damm gefahren waren. Dann kamen die ersten West-Berliner aus dem Ostteil der Stadt zurück: Sie hatten auf dem Alexanderplatz gefeiert. Wildfremde Menschen, aber auch Familien, die sich seit Jahren nicht mehr gesehen hatten, lagen sich in dieser Nacht jubelnd in den Armen. Der Slogan "Berlin ist Freiheit" war jetzt keine Fantasie mehr, sondern Wirklichkeit.

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